23. Juni 2017  II   kunstbühne portstrasse – oberursel

Lyrische Krankheitsdiagnosen von Nora Gomringer und Paul-Henri Campbell –

Gespräche über die Möglichkeiten der Lyrik ungewöhnliche Facetten von Krankheit im individuellen und gesellschaftlichen Kontext auszuloten.

„Morbus“ (2015) nennt Nora Gomringer den zweiten Band ihrer „Trilogie der Oberflächen und Unsichtbarkeiten“. Sie rückt darin den großen, dunklen Krankheiten, den im kollektiven Gedächtnis tief eingegrabenen Pest- und Typhusepidemien, aber auch den aktuellen Menschheitsgeiseln wie Depression und Krebs mit Lyrik zu Leibe – und hält sie doch auf Distanz. Denn hier geht es vor allem um das  Wechselspiel zwischen Krankheit und Gesellschaft. Um die Fragen: Welche Zeiten brüten welche Krankheiten aus? Werden Krankheiten instrumentalisiert? Mit dabei das eine oder andere prominente Fallbeispiel. Zusammen mit den Illustrationen von Reimar Limmer kommt dabei Unerwartetes – mitnichten nur Düsteres – zum Vorschein. 

Dringlicher, existentieller, wenngleich auch immer wieder mit ironischer Brechung der Ton in Paul-Henri Campbells Krankheitszyklen aus seinem neusten Lyrikband „nach den narkosen“ (2017): Hier ringt das lyrische Ich um sein fragiles Herz und mit den Zumutungen der medizinischen Behandlung. Campbell zeichnet ein unruhig erregtes Wortdiagramm aus innerer Autonomie und (lebensnotwendigen) Ein- und Übergriffen von außen. – Und er hinterfragt eine allzu selbstverständliche „Salutonormativität“, die nichts anderes als Gesundheit und Unversehrtheit als Maßstab begreifen kann. 

Nora Gomringer (1980) leitet das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. 2015 gewann sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Zuletzt erschienen von ihr in diesem Jahr der dritte Teil der Trilogie der Oberflächen und Unsichtbarkeiten: MODEN und zusammen mit dem Drummer Philipp Scholz die Lyrik- und Jazz-CD PENG, PENG, PENG (alles Voland & Quist).

Der deutsch-amerikanische Schriftsteller Paul-Henri Campbell (1982) verfasst Lyrik, Prosa, Rezensionen und Essays zur Kunst. Er lebt in Montabaur und arbeitet in der Erwachsenenbildung des Bistum Limburg. 2015 erschien der Lyrikband SPACE RACE (Allitera), jetzt im Wunderhorn Verlag „nach den narkosen“.  Gudrun Dittmeyer

Zeit: 23. Juni 2017  II  20.00 Uhr

Eine Kooperation mit dem Kulturamt Frankfurt im Rahmen der Frankfurter Lyriktage 2017,  der kunstbühne porstrasse, Oberursel und dem Hochtaunuskreis

Gefördert vom  Kulturfonds Frankfurt RheinMain

Fotos: Paul-Henri Campbell©Alex Sonnentag

Nora Gomringer©luderhunziker