5 Literaturgespräche in Bad Homburg und Oberursel, Herbst/ Winter 2016/17

Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Migration. Immer und überall verließen die Menschen ihre Heimat in der Hoffnung der Armut, dem Hunger, der Unterdrückung oder dem Krieg zu entfliehen: Denn „etwas Besseres als den Tod findest du überall“ heißt es schon in den Bremer Stadtmusikanten. Von Ost nach West, von West nach Ost, von Nord nach Süd, von Süd nach Nord waren die Menschen unterwegs – und versuchten sich in der Fremde neu einzurichten. Go East hieß es für all die Donauschwaben. die sich im 18. Jahrhundert in der Wolga-Region niederließen. Und Süd – und Nordamerika wurden für Millionen von Europäern zur Zuflucht, als im 19. Jahrhundert die Wirtschaft darniederlag und wieder während der Verheerungen und Verfolgungen des 1. und 2. Weltkriegs. Heute kommen die Menschen aus Bosnien oder Rumänien, Syrien oder Afghanistan zu uns. Die einen suchen hier ein Auskommen, eine Perspektive für sich und ihre Familien, die andern fliehen vor Tod und Zerstörung,

Migration hat viele Gesichter, viele Schicksale, viele Hintergründe. Und wie so oft gelingt es besonders in literarischen Texten, den Blick auf den Einzelnen zu richten, seine Erlebnisse, seine Gefühle exemplarisch aus der Anonymität zu lösen und für uns Leser nachvollziehbar zu machen. Besonders die Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts ist voller Geschichten über Emigration, Exil und Flucht. Im neuen Literaturprogramm werden dazu fünf Romane vorgestellt, die jeweils andere Aspekte von Migration beleuchten.

Die ersten beiden Bücher erzählen von Vertreibung und Bedrohung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: In Hiob verknüpft Joseph Roth die gleichnamige alttestamentarische Geschichte mit der Geschichte des Thorapredigers Mendel Singer in Russland und später im amerikanischen Exil zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Irmgard Keun lässt in Kind aller Länder das kleine Mädchen Kully von ihrem unsteten Leben kreuz und quer durch  Europa zur Zeit des Nationalsozialismus erzählen. Die Geschichten von Aslı Erdoğan und Luiz Ruffato beschreiben Einsamkeit und Entbehrungen der Arbeitsemigranten. Für eine türkische Wissenschaftlerin im Riesenmoloch Rio und für den mittellosen Brasilianer Serginho in Lissabon werden die Orte der Emigration zu Orten einer existentiellen Verlorenheit. Und schließlich schreibt uns Abbhas Khider ganz aktuell in tragik-komischer Weise die Geschichte eines Flüchtlings in Deutschland, verstrickt in die absurden Regeln der Bürokratie. Gudrun Dittmeyer

Wir diskutieren die Bücher im kleinen Kreis.

Joseph Roth, Hiob (kiwi)

Irmgard Keun. Kind aller Länder (kiwi)

Aslı Erdoğan. Die Stadt der roten Pelerine (unionsverlag)

Luiz Ruffato. Ich war in Lissabon und dachte an dich (Assoziation)

Abbas Khider. Ohrfeige (Hanser)