Bertold Brecht. Vom Schwimmen in Seen und Flüssen

1

Im bleichen Sommer, wenn die Winde oben

Nur in dem Laub der großen Bäume sausen

Muß man in Flüssen liegen oder Teichen

Wie die Gewächse, worin Hechte hausen.

Der Leib wird leicht im Wasser. Wenn der Arm

Leicht aus dem Wasser in den Himmel fällt

Wiegt ihn der kleine Wind vergessen

Weil er ihn wohl für braunes Astwerk hält.

2

Der Himmel bietet mittags große Stille.

Man macht die Augen zu, wenn Schwalben kommen.

Der Schlamm ist warm. Wenn kühle Blasen quellen

Weiß man: ein Fisch ist jetzt durch uns geschwommen.

Mein Leib, die Schenkel und der stille Arm

Wir liegen still im Wasser, ganz geeint

Nur wenn die kühlen Fische durch uns schwimmen

Fühl ich, daß Sonne überm Tümpel scheint.

3

Wenn man am Abend von dem langen Liegen

Sehr faul wird, so, daß alle Glieder beißen

Muß man das alles, ohne Rücksicht, klatschend

In blaue Flüsse schmeißen, die sehr reißen.

Am besten ist’s, man hält’s bis Abend aus.

Weil dann der bleiche Haifischhimmel kommt

Bös und gefräßig über Fluß und Sträuchern

Und alle Dinge sind, wie’s ihnen frommt. 

4

Natürlich muß man auf dem Rücken liegen

So wie gewöhnlich. Und sich treiben lassen.

Man muß nicht schwimmen, nein, nur so tun, als

Gehöre man einfach zu Schottermassen.

Man soll den Himmel anschaun und so tun

Als ob einen ein Weib trägt, und es stimmt.

Ganz ohne großen Umtrieb, wie der liebe Gott tut

Wenn er am Abend noch in seinen Flüssen schwimmt. 

(1919)

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen Mitte September!