Gedicht

ich nenne mich du weil der Abstand
so vergeht zwischen uns wie Haut
an Haut wir sind nicht
zu unterscheiden zu trennen eins
und das Andere die Grenze ist
die Verletzung der Übergang
eine offene Wunde du nennst mich
ich wer von uns beiden sagt
hier hast du ein Messer
mach meinen Schnitt.

Barbara Köhler

Im Herbst 2016, in der Reihe WortKlang des Hessischen Literaturforums, stellten Barbara Köhler und José Oliver in der Portstrasse in Oberursel ihre beiden Gedichtbände über Istanbul vor. Ein unvergesslicher Abend zweier individueller Stimmen, die ihre Istanbul-Eindrücke in WortKlangbilder fassten. Für „Istanbul, zusehends“ wurde Barbara Köhler im selben Jahr mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet.

Jetzt, am 08. Januar 2021 ist Barbara Köhler nach langer Krankheit gestorben. Es bleiben ihre Gedichte und Prosatexte, Sprach- Erkundungen, Geschlechter-Erkundungen, Geschichts-Erkundungen, Land(schafts)-Erkundungen. Für Barbara Köhler ist die Sprache nicht nur Ausdruck ihrer Gedanken, sondern ein autonomes Material, das es in die (Herkunfts-)Tiefe auszuleuchten gilt. Grammatikalische Konventionen, herkömmliche Bedeutungskontexte hebelt sie aus und erzeugt eine Vielzahl von Lesarten und komplexen Interpretationsräumen. Barbara Köhler lotet aus: die Beziehung der Geschlechter, als eine Beziehung der Differenz, das Weibliche, die Femmage, als das Ausgelöschte in der Geschichte, die Landschaft, das Gelände als vom Menschen geformter, zerformter Natur. 1959 in Bugrstädt geboren, nach ihrer Ausbildung als Fachkraft für textile Flächenherstellung und ihrer Arbeit als Altenpflegerin und als Beleuchterin am Theater, studierte sie in den Jahren 1985-1988 am Institut für Literatur Johannes R. Becher in Leipzig. Seit 1994 lebte sie in Duisburg. (Gudrun Dittmeyer)

Werk-Auswahl:

42 Ansichten zum Warten auf den Fluss (2017)

Istanbul, zusehends (2015)

Niemands Frau (2007)

Wittgensteins Nichte (1999)

Deutsches Roulette (1991)

Foto: Koehler-Barbara©Tineke-de-Lange