27. Mai 2020

Die Freude war groß als heute morgen auf hr2 kultur verkündet wurde: Die neue Stadtschreiberin von Bergen-Enkheim heißt Anne Weber. Nicht nur, weil wir hier in Oberursel an eine wunderbare Matinee im Mai 2019 erinnern können, als Anne Weber ihr Zeitreisetagebuch „Ahnen“ und damit Einblick in ihre Familiengeschichte und vor allem in das Leben ihres Urgroßvaters Florens Christian Rang bot. Sondern weil wir auch ganz begeistert von ihrem neuen Buch sind „Annette, eine Heledinnenepos“ über die französische Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir, die nicht nur in der Résistance, sondern später auch in der algerischen Unabhängigkeitsbewegung gegen Unmenschlichkeit und Unterdrückung kämpfte.

Nun kommt Anne Weber ab dem Herbst 2020 nach Bergen-Enkheim und wir würden uns sehr freuen, wenn sie auf einen Sprung zu uns herüber nach Oberursel käme.

15. September 2020

Und jetzt steht fest: Anne Weber hat es mit ihrem Heldinnenepos Annette auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020 geschafft. Wir gratulieren und bringen unsere Buchbesprechung aus unserem Newsletter vom 14. Juni 2020:

Anne Weber. Annette, ein Heldinnenepos. Matthes & Seitz. 2020

Anne Weber, 1964 in Offenbach geboren, lebt seit 1983 in Paris. Als Autorin hat sie bereits ein beachtliches Werk verfasst. Ihre Romane erscheinen immer zeitgleich auf deutsch und französisch. Da wundert es kaum, dass sie auch als Übersetzerin aus dem und ins Französische(n) brilliert, was unter anderem mit dem Europäischen Übersetzerpreis und dem Johann Heinrich Voß Preis gewürdigt wurde.

In ihren Büchern geht Anne Weber immer wieder neue literarische Wege, probiert aus, versucht sich in gattungsübergreifenden Schreibweisen, ist inspiriert von der deutschen, als auch der französischen Literaturtradition. Aus dem Französischen übersetzt sie randständige Dichterpersönlichkeiten wie Pierre Michon oder Georges Perros. Und auch in ihren Romanen befasst sie sich immer wieder mit außergewöhnlichen Heldenfiguren. Mit Sonderlingen, Individualisten, Solitären. So erschienen zuletzt das Zeitreisetagebuch „Ahnen“ (2015) über ihren Urgroßvater, den Theologen und Philosophen Florens Christian Rang, ein Roman über den unzeitgemäßen Heiligen „Kirio“ (2017) und nun im Frühjahr „Annette, ein Heldinnenepos“.

Der Inhalt

Die harten Fakten: Es geht um die Französin Anne Beaumanoir (* 30. Oktober 1923 in Saint-Cast-le-Guildo, Bretagne) , die mit 19 Jahren in der kommunistischen Resistance aktiv war und dort jüdischen Mitbürgern und politisch Andersdenkenden das Leben rettete. Später stand und kämpfte sie im Krieg Frankreichs gegen Algerien auf der Seite der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN. Sie wurde in Frankreich zu zehn Jahren Haft verurteilt, konnte aber in einer abenteuerlichen Flucht nach Tunesien und später nach Algerien entkommen. Als Ärztin war sie dort im Gesundheitsministerium Teil der ersten unabhängigen Regierung unter Ben Bella, verließ aber nach einem weiteren Staatsstreich das Land und ging zurück nach Frankreich.

Die weichen Fakten: Anne Beaumanoirs Charakter, ihr Sinn für Ungerechtigkeit, ihr Mut, ihre Kraft, ihre Schwäche, ihre Naivität, ihre Geradlinigkeit, ihre Gewissensbisse, ihre Unerschrockenheit, ihr Glaube an eine gerechtere Gesellschaft, ihre Verstrickungen, ihre Mutterliebe, ihre Unwissenheit, ihre Menschlichkeit, ihre Enttäuschungen, ihre Verstrickungen, ihre Radikalität, ihre Fehleinschätzungen, ihre Opfer, ihre Sorgen, ihre Irrtümer, ihre Hoffnungen, ihre Verletzungen,…

Die Form

Um die Geschichte Anne Beaumanoirs zu erzählen, hat Anne Weber eine außergewöhnliche Form gewählt: das Epos, die uralte Gattung der Heldengeschichten in Versform. Bereits Homer hat sich in seinen Illias- und Odyssee-Gesängen dieser Erzählweise bedient, das Nibelungen-Lied zählt als Epos und Klopstocks Messias oder Puschkins Eugen Onegin sind Beispiele aus der neueren Literaturgeschichte. Stilprägend sind hier u.a. neben der Versform, der erhabene, zumeist lobpreisende Ton, die Beschreibung von beispielhaft (männlich-)heldischen Taten und Lebensweisen, formelhafte Sentenzen.

Dass Anne Weber nicht ungebrochen die Kriterien des klassischen Epos übernimmt, sondern (brillant) mit ihnen spielt,  lässt sich schnell vermuten. Nicht von ungefähr spricht   bereits der Titel vom „Heldinnenepos“, setzt also – erste Abweichung – einer Frau ein Denkmal. Aber ein durchaus ambivalentes Denk-mal!, das aus der Erzählerinnenposition kritisch hinterfragt wird: Was treibt Anne Beaumanoir in den Widerstand? Was opfert sie dafür? Wie weit darf sie gehen? Was kann sie tatsächlich bewirken?  Kann man als Mensch uneingeschränkt Gutes tun? Oder hat nicht jede gute Tat auch ihre Schattenseiten?

Die Versform behält Anne Weber bei. Das rhythmisierte Erzählen auch. Aber es kommt leichtfüßig und variantenreich daher, wechselt den Ton, die Metrik – ganz dem Erzählstoff angemessen. Immer wieder gibt es kleinere französische Passagen mit Blick auf sprachliche Besonderheiten. Webers Epos liest sich flott und unbeschwert und bringt uns einem besonderen Menschen und einen vielleicht weniger bekannten Ausschnitt europäischer Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts näher.

Anne Weber zeigt Anne Beaumanoir nicht nur in heldenhafter Aktion, sondern auch als Privatmenschen. Als eine Frau mit Sehnsüchten und Träumen, ihrem ersten Geliebten, mit ihrer Familie, ihrem Ehemann, den Kindern,… Elegant changiert sie zwischen biographischen und historischen Fakten und deren Resonanzen in Anne Beaumanoirs Leben hin und her und schreibt sich somit in die Nähe einer anderen großen französischen Gegenwartsautorin, in die Nähe von Annie Ernaux und ihren autofiktiven Texten.

Bei den ersten Oberurseler Literaturtagen im Frühjahr 2019 war Anne Weber in Oberursel in der kunstbühne portstrasse zu Gast und hat über ihre Familiengeschichte mit all ihren Verirrungen, Verfehlungen und Verarbeitungsversuchen erzählt. Eine Familiengeschichte, die eng mit der (Geistes-)Geschichte Deutschlands verwoben ist, mit Fragen, die sich mit  dem „Deutschsein vor hundert Jahren“,  mit Antisemitismus und Rassismus, Verdrängung, Hass, Schuld, Verantwortung, Individualität und Widerstand auseinandersetzen. Jetzt, mit „Annette, ein Heldinnenepos“, beschäftigt sie sich wieder mit diesen Fragen. (Gudrun Dittmeyer)